Erzählungen schreiben

Eine Erzählung kann sowohl ein wirkliches als auch ein erdachtes Geschehen darstellen. Letztendlich unterscheidet sie sich durch einen geringeren Umfang und den nicht so kunstvoll konstruierten Aufbau von anderen Formen der Erzählkunst, wie zum Beispiel der Novelle oder dem Roman. Auch eine Erzählung sollte den Leser in die Erzählung ?hineinziehen?, sodass er gar nicht mehr aufhören kann zu lesen.

Das folgende Beispiel ist der Beginn der eindrucksvollen Autobiographie Wir sind Gefangene von Oskar Maria Graf. Das Buch ist 1927 erstmalig erschienen:

An jenem Mainachmittag, da der Lehrer plötzlich zur Türe hereinkam, auf mich und meine Schwester Anna zuging und uns sagte, wir dürften heimgehen, weil unser Vater sehr krank sei, empfand ich gar nichts. Auf der Straße redeten wir wenig und machten ernste Gesichter. Im Grunde waren wir froh, dass wir den langweiligen Rechenunterricht hinter uns hatten. Wir lernten gut und gingen gern in die Schule, aber das Rechnen mochte ich nicht. Es überraschte nicht, es lief immer klar und glatt ab. Der Tag war wunderbar sonnig und weit, die Wiesen rundum standen in saftigem Grün und waren blumengesprenkelt, die Apfelbäume links und rechts von der Straße blühten. Am Dorfanfang traf uns eine Bäuerin und sagte stehenbleibend: ?Geht heim, euer Vater ist schwer krank. Arg ist er dran.? Wir beeilten uns. Zu Hause war es irgendwie still. Wir kamen in die Küche, die zugleich als Wohnzimmer diente, und sahen Mutter am Herd mit Flaschen hantieren. Sie sagte bloß: ?Geht hinauf zum Vater?, und brach in Weinen aus. Wir legten unsere Schulranzen hin und gingen hinauf. Als wir eintraten, begannen wir zu weinen. Warum wussten wir nicht. Ich empfand keinen Schmerz, nur ein leises Grauen?.?

Graf, Oskar Maria: Wir sind Gefangene.dtv. München 2008

Wirkliches oder erdachtes Geschehen?